Hommage à Sebestyén
Eine theatralische Installation und ein kleiner Streifzug durch das Wien des Jahres 1990, das Jahr von Sebestyéns Tod.
Aus Gründen von Diskretion und Pietät - wir sind in Wien! - sind die Namen der Hinterbliebenen abgekürzt, was der Leser verzeihen möge.
Wien. XXII. Bezirk. 26.Oktober. H.:
Du, für mich läßt sich Gyuris Werk wirklich nur mit einem Proust oder Tolstoi vergleichen. Diese unvergleichliche Genialität im Umgang mit der Sprache. Auch sonst im Leben - er traf immer genau den Punkt! Beispielsweise in der Musik. Wenn wir zusammen in einem Konzert waren, Du, er war so ein kluger Frager. Er traf mit seinen Fragen immer das Wesentliche. Dabei verstehe ich sein Verhalten mir gegenüber wirklich nicht. Es kann doch nicht sein, daß er mich einfach nur ausgenutzt hat.
In der Küche. H.:
Das ist ja nur ein ganz leichter niederösterreichischer Wein, die Flasche können wir doch noch aufmachen. Du bist ja auch ein richtiger pannonischer Weintrinker, wie es Gyuri immer ausdrückte. Ich fühle mich ziemlich schlecht, wenn ich daran denke, morgen wieder in die Schule zu müssen. Die Kinder sind so dumm, es ist wirklich unbegreiflich. Alles fließt an ihnen vorbei. Morgens um sieben verstehe ich die Welt nicht, in der Dunkelheit und der Kälte und dem Nebel, der über dem Marchfeld liegt. Oh, ich hoffte nur, diese Gedächtnisfeier wäre schon vorüber! Ich fürchte mich so vor ihr! Am liebsten würde ich ganz weit weg fahren.
H. (bitter):
Also P. hat sich einfach unmöglich benommen, sie ist für mich erledigt. Aber auch A. sollte einmal ein bißchen mehr nachdenken, sie ist inzwischen zweiundzwanzig, da kann man das wohl verlangen. Du, glaubst Du es, ich habe an mich in die Auerspergstraße adressierte Briefe bekommen, geöffnet. Sie hat sich für den Inhalt interessiert und einfach die Briefe geöffnet! Du nimmst doch noch ein Glas? Überhaupt, nie haben sich die Töchter um Gyuri gekümmert, und jetzt plötzlich! Gerade P., die immer in Spanien war, spielt sich jetzt als Bewacherin der Manuskripte auf, als Hüterin des Werkes. Ich kann Gyuris Verhalten einfach nicht verstehen.
Wien. XXI. Bezirk. 27. Oktober. In einem Heurigen. P.B.:
Am Anfang war das für mich ziemlich schwierig in Wien. Ich kam ja aus Deutschland, wo die Menschen alle ganz direkt sind. Sie sagen das, was sie denken. Wien erscheint den Touristen erst wahnsinnig groß. Aber wenn man hier lebt, merkt man schnell, daß das nicht so ist. Hier herrscht viel Schubladendenken. Überall sieht man nur die gleichen Gesichter.
Kennst Du eigentlich Berlin?
Wien. XXII. Bezirk. 27. Oktober. Im Künstlerkeller. H.:
Im Augenblick mache ich gerade Kerzenleuchter. Bei mir sind die immer siebenarmig. Ja, Du hast Recht, das ist eine allegorische Liebesdarstellung, da. Überhaupt stelle ich immer die Liebenden dar, die Liebe. Ich arbeite abends lange in der Werkstatt, ich bin abends eben immer so munter, vor zwei oder drei Uhr kann ich nicht schlafen. Morgens aufstehen und in die Schule gehen, das ist natürlich schrecklich. Irgendwie zerreibt mich auch diese Zweiteilung meines Lebens. Aber einerseits, die Keramik ist eine Leidenschaft, die mich nicht losläßt. Und andererseits, ich brauche einfach noch mehr volle Dienstjahre für meine Altersversorgung.
Einen Grabstein für Gyuri gestalten? Du, darum sollen sich mal die Menschen kümmern, die von ihm testamentarisch bedacht worden sind!
Wieder im Wohnzimmer. H.:
Wie war denn das Bernhard-Stück? Du, es tut mir leid, aber ich kann mir so etwas nicht ansehen. Bernhard war einfach ein Schwein. Du, die Art und Weise, wie er Freunde hintergangen hat, ausgenutzt hat, ist unmöglich. Die einzige Gemeinsamkeit zwischen uns war das Kaffeehaus. Er ging wie wir ins Café Bräunerhof. Simmel hat mir übrigens nach Gyuris Tod ein Telegramm geschickt. Du weißt ja, Gyuri sagte immer, der Mann könne durchaus gut schreiben; nur er wolle eben Geld verdienen. Du trinkst doch noch ein Gläschen Wein mit, oder? Dieser ist ein sehr leichter, trockener aus der Südsteiermark.
Wien. IV. Bezirk. 28. Oktober. A.:
Der Schriftstellerverband unterstützt mich, er bezahlt mir sogar die Hotelfachfachschule. Ich kann relativ gut leben. Glücklicherweise war ich schon vor Gyuris Tod in der Wohnung gemeldet. So kann ich weiter billig hier wohnen. Sonst, um Himmels willen, ich müßte sofort ausziehen!
Magst Du einen Kaffee?
A. (gerecht):
Ich muß sagen, sowohl H. als auch P. haben sich nicht richtig benommen. Sie haben beide Fehler gemacht. Ich stehe jetzt eigentlich zwischen allen Stühlen. Mein Verhältnis zu P. hat darüberhinaus in letzter Zeit stark unter meinem Streit mit ihrem Mann gelitten. Und der ist immer bei ihr. Zweimal war sie seit Gyuris Tod hier in der Auerspergstraße. Da hat sie in seinem Arbeitszimmer Manuskripte sortiert. Sie fühlt sich jetzt unheimlich stark für Gyuris Arbeit verantwortlich und meint, die Manuskripte vor H. schützen zu müssen. Hoffentlich sind sie bald in der Nationalbibliothek!
Du rauchst Gitanes? Nein danke, die sind mir etwas zu stark, ich bleibe lieber bei meinen eigenen. Rauchen ist leider unheimlich teuer, besonders in Österreich. Ich bringe mir von überallher Zigaretten mit. Überall sind sie billiger als in Österreich!
A. (nachdenklich):
Eigentlich lebe ich mein eigenes Leben, habe meine eigenen Bekanntschaften. Aber irgendwie bin ich mit Gyuri immer in einer Atmosphäre von Literatur und Literaten aufgewachsen. Ich habe früher wie ein Staubsauger alles gelesen, was ich kriegen konnte. Und ich war auch immer dabei, wenn sich die Freunde meines Vaters hier in der Wohnung trafen. Jetzt haben sie mich alle vergessen. Natürlich, alle sind freundlich, wenn sie mir zufällig begegnen: Ach, da ist ja die A.! Aber angerufen hat mich noch niemand, nicht einmal Anita Karajan oder Milo Dor. Seit wann müssen die Hinterbliebenen die Freunde anrufen! Irgendwie fühle ich mich von meinem bisherigen Leben abgeschnitten. Auch verspüre ich zur Zeit erstmals - ein halbes Jahr nach der Beerdigung - die Abwesenheit meines Vaters. Er war ja quasi Vater und Mutter für mich. Ich begegne ihm im Traum; und wenn ich aufwache, ist er nicht da.
Wien. XXII. Bezirk. 28. Oktober. H.:
Es hat mich immer gewundert, wie sehr Gyuri darum besorgt war, daß niemand etwas von seiner jüdischen Herkunft erführe. Aber dann nach seinem Tod haben doch alle davon gewußt und laut darüber gesprochen. Und auch die Sache mit der Freimaurerei. Du hast davon auch nichts gewußt? Doch, er war sehr engagiert in der Loge, und sie spielte in seinem Leben eine große Rolle.
Wien. VII. Bezirk. 29. Oktober. Verlagsbüro. Ununterbrochen läutendes Telephon. DR. T. (wichtig):
Sie müssen bedenken, daß ein Fragment naturgemäß mit einer gewissen Behinderung auf den Markt tritt. Und wir können hier wirklich keine kritische Ausgabe erstellen. Schauen Sie, natürlich spricht Sebestyén mit seinen Werken immer eine gehobene Gesellschaft an. Aber es handelt sich bei dieser nicht ausschließlich um Spezialisten. Wer wird den letzten Roman kaufen? Nun, in erster Linie sind es Sebestyén-Freunde, denen wir verpflichtet sind. Und, schauen Sie, das sind ja beileibe nicht alles Literaturwissenschaftler! Erläuterungen und Nachwort dürfen zwanzig Prozent des Textes nicht übersteigen.
Wien. XV. Bezirk. 29. Oktober. P. (charmant):
Noch kann ich mit meiner Tochter Spanisch sprechen, aber irgendwann werde ich es aufgeben müssen. Alle Kinder wollen gleich sein und daher wird sie sich irgendwann sträuben, Spanisch zu reden. Spätestens, wenn ihre Schulzeit beginnt. Trotzdem wird ihr irgendwann diese Zweisprachigkeit als Kleinkind viel genützt haben. Bei mir war es dasselbe. Ich war froh, durch die frühkindliche Übung leicht und schnell ins Ungarische zu kommen. Ohne das hätte ich mich gar nicht mit meinem Vater verständigen können, denn er sprach nur Deutsch und Ungarisch.
P. (ernst):
Die Manuskripte meines Vaters bieten eine unerschöpfliche Fülle an Material. Glauben Sie mir, immer, wenn ich in seinem Arbeitszimmer bin und sortiere und kopiere, verliere ich mich in irgendwelchen Texten. Ich komme eigentlich nie zu einem Abschluß. Immer wieder entdecke ich Neues, beginne zu lesen und kann nicht mehr aufhören. Ich bin sicher, da ist viel Unveröffentlichtes dabei. Und wer weiß, was H. noch alles bei sich hat! Es müssen unbedingt alle Schriften in der Auerspergstraße gesammelt werden und von dort so schnell wie möglich in die Nationalbibliothek kommen.
Wien. IV. Bezirk. 29. Oktober. A.:
Irgendwie ist mir unbehaglich, wenn ich an die Gedächtnisfeier morgen denke. Hoffentlich komme ich Weihnachten mal raus. Vielleicht kann ich mit meinem Freund wegfahren. Nach Italien. Ich war noch nie in Rom.
Wien. I. BEZIRK. 30. OKTOBER. SAAL IM PALAIS PALFFY.
DR. K. (feierlich):
Sicherlich ganz im Sinne von György Sebestyén soll diese Feier keine Begräbniserneuerung sein. Ganz im Gegenteil gilt es, diesem großen Schriftsteller Dank zu sagen speziell für die Gespräche, die Ermutigungen, mit denen er vielen von uns oft geholfen hat.
PROF. G. (schnaufend):
Schon von frühester Jugend an beschäftigte sich mein Vorgänger als Präsident des PEN-Clubs mit Literatur und Lesen. Nachdem er dann 1956 Herbert Eisenreich auf dem Stephansplatz zum ersten Male getroffen hatte, nahm er schnell Kontakt zur Wiener Literatenszene auf und wurde deren humanistische Integrationsfigur. Sein Leben war ein ständiges, ich möchte sagen, regelrecht heroisches Streben zur Weltverbesserung.
DR. S. (bestimmt):
Was ich besonders herausstellen will, ist erstens das, was er der deutschen Sprache an Bleibendem hinterlasssen hat, nachdem er sich für sie entschieden hatte. Seine sprachgestalterische Tätigkeit führte er nicht nur in den in unserem Haus erschienenen Romanwerken aus, sondern auch in vielen Aufsätzen, Drehbüchern, Hörspielen und seiner Arbeit in den Zeitschriften.
PROF. K. (sanft):
Als schriftstellerischer Kollege kann ich eigentlich nur noch die Erwähnung seines unnachahmlichen Stils nachtragen, den er in atemberaubender Weise beherrschte. Ohne deshalb jemals die kritische Selbstreflexion aufzugeben.
P.B.:
Ich kenne die Gesellschaft hier eigentlich nur indirekt, durch die Kontakte meiner Mutter. Ich lebe mein Leben, diese Leute interessieren mich nicht weiter. Du hast Recht, all diese Intrigen sind lächerlich. Ich habe auch ehrlichgesagt gar kein persönliches Verhältnis zu den Töchtern. Man trifft sich eben. Manchmal bittet mich meine Mutter, sie irgendwohin zu begleiten. Dann bin ich halt als Tochter dabei. Aber Kontakt habe ich eigentlich nicht.
A.:
Du mußt gehen? Wenn Du wieder nach Wien kommst - Du hast die Nummer - rufst Du mich an.
György Sebestyèn (1930-1990) ist ein zu Unrecht hierzulande nahezu unbekannter Schriftsteller. Nach der Zerschlagung seiner sozialistischen Träume durch den Einmarsch der Truppen des Warschauer Vertrages nach Ungarn wurde er ab 1956 in Wien publizistischer Streiter für die "mitteleuropäischen Idee", deren reale Verwirklichungsmöglichkeit er freilich nicht mehr erleben durfte. Seine beiden großen Romane "Albino" (1984) und "Die Werke der Einsamkeit" (1986) entspringen der Reflexion über menschliche Kommunikationsunfähigkeit. Das Fragment des letzten Romans ist auch heute, fünf Jahre nach seinem Tod, noch nicht erschienen.
Stefan Rabanus